Wo ist die Kunst? Zur Geographie von Schnittstellen
von Thomas Kaestle



"Kunst ist heute nicht mehr an bestimmte Orte und Objekte gebunden. Sie kann überall stattfinden: Die gesamte Öffentlichkeit ist zum Raum der Kunst geworden. Sie hat die Wahl zwischen verschiedenen Öffentlichkeiten mit je eigenen Kommunikationsbedingungen, so dass die Ausstellung für die Vermittlung von Kunst nicht mehr prädestiniert ist."[1]

Diese Sätze waren im Januar 2004 genau zehn Jahre alt. Anfang 1994 erschienen sie in Michael Lingners Essay Die Krise der 'Ausstellung' im System der Kunst, dem zentralen Text in jener Ausgabe des Kunstforum International, deren Titel Betriebssystem Kunst den Kunst- und Ausstellungsdiskurs für Jahre prägen sollte.

Inzwischen hat sich der Begriff vom 'Betriebssystem Kunst' abgenutzt, häufig hinterfragt und noch häufiger unkritisch als Schlagwort ver(sch)wendet. In der Tat scheint die im Detail sehr komplex hergeleitete Metapher des 'Betriebssystems' eng mit dem Computer-Hype der frühen 1990er Jahre verknüpft[2] und wirkt heute ein wenig antiquiert. Niklas Luhmann, auf dessen Systemtheorie der Begriff fußt (wie unschwer aus Fußnoten und Zitaten der entsprechenden Essays abzulesen ist), hat diese 1995 selbst für den Kunstkontext präzisiert[3], so dass es inzwischen möglicherweise genügt, in seiner – ausreichend komplexen – Begrifflichkeit vom 'System Kunst' und dessen Subsystemen wie Funktionen zu diskutieren.

Für den folgenden Gedanken, der sich auf die Kunstforum-Essays bezieht, bleibe ich dennoch bei der Metapher vom 'Betriebssystem': Das geforderte Update dieses Betriebssystems hat nämlich trotz der hohen Zitierfrequenz des Begriffs nur halbherzig stattgefunden und selbst diese Entwicklung ist kaum einem Feedback aus der Theorie zuzuschreiben. Das Kunstsystem ist vielerorts noch immer bis auf weiteres geschlossen und all jene, die sich nicht folgsam seinen Parametern unterordnen, müssen leider draußen bleiben.

Ein produktiv selbstkritisches Hinterfragen des eigenen Kontextes bleibt also eine der zentralen Aufgaben von Kunstinstitutionen
und zwar immer wieder: Dieser Aspekt der Kunstpräsentation kann nicht historisch 'abgehakt' werden. Er bleibt stets aufs Neue aktuell mit den sich verändernden Rahmenbedingungen, beginnend bei einem Kuratorenwechsel, der das gesamte Profil einer Institution völlig verändern kann, bis hin zum allgemeinen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang einer Situation, dem 'Zeitgeist' und seinen Wechselwirkungen mit weltanschaulichen Präferenzen bestimmter Bevölkerungsgruppen. All dies beeinflusst die Wahrnehmung von Kunst in ihrer jeweiligen Zeit – und damit auch die Parameter ihrer Präsentation (und Präsentierbarkeit).

Eine solche Selbstreflexion ist für alle Institutionen und Initiativen im Kunstsystem verbindlich. Allerdings werden sich ihre jeweiligen Strukturen stark voneinander unterscheiden. Museen mit ihren Sammlungs-Schwerpunkten und ihrer etablierten Personalstruktur sind zugleich schwerfälliger und in der Lage, gründlicher zu evaluieren, Selbstverständnis und Programmatik bleiben jedoch meist auf lange Zeit festgeschrieben. Galerien sind auf eine kommerzielle Komponente angewiesen, was ihre Ausrichtung sowohl klarer als auch starrer macht. Im öffentlichen Raum fehlen bereits vereinbarte Zuständigkeiten und Strukturen, so dass zunächst nach dem Subjekt einer Reflexion geforscht werden müsste.

Die Kunstvereine und andere frei getragene Kunstinitiativen mit ihrer vergleichsweise flexiblen programmatischen Ausrichtung und eher losem Personalgefüge scheinen hingegen prädestiniert für einen regelmäßigen kritischen Blick auf das eigene Tun und dessen gesellschaftliche Wechselwirkungen. Sie sind traditionell dem Diskurs, dem Schaffen kommunikativer Rahmensituationen verpflichtet und genießen durch das Fehlen von Sammlungsauftrag und Gewinnverpflichtung größte Freiheit bei der Künstlerauswahl. Jenseits der Frage nach Werten, etablierten Positionen, Standortsicherung und Stadtmarketing sind sie in der Lage, Experimente zu wagen, Fragen zu stellen, Strukturen aufzubrechen und mit kontroversen Positionen Wagnisse einzugehen.

Vor diesem Hintergrund stellt der Kunstverein Hildesheim im Ausstellungsjahr 2004 die Frage nach der Verortung von Kunst, deren Produktion und Präsentation: Wo ist die Kunst? Dass die Frage nicht neu ist, liegt auf der Hand, dass sie nicht neu sein muss, habe ich bereits erörtert. Viel wichtiger ist das Kriterium der Aktualität. Diese hat hier einen eher schleichenden Charakter: Die Zusammenstellung der Künstlerinnen und Künstler mit ihren jeweiligen thematischen oder strukturellen Schwerpunkten zeigt, dass sich in der Kunst- und Ausstellungspraxis in den vergangenen Jahren Positionen etabliert haben, die ihren Ort mit einer neuen Selbstverständlichkeit frei wählen und dabei längst in die Kunstperipherie eingedrungen sind. In der theoretischen Auseinandersetzung hat die Frage nach dem Ort der Kunst in Verbindung mit dieser empirischen Basis in den vergangenen zehn Jahren wiederum zu Statements und Veröffentlichungen geführt, die den Kunstdiskurs (und damit in Wechselwirkung wiederum die Praxis) nachhaltig beeinflusst haben.

Zunächst zitiert die Frage Wo ist die Kunst? offenbar eine populäre Floskel: Das verständnislos ablehnende "Ja, wo ist denn (dabei) die Kunst?" Wer so fragt, fragt meist frustriert rhetorisch, schließt die Möglichkeit einer Antwort gar aus. Dabei will es der Kunstverein nicht belassen. Das Jahresprogramm 2004 wird für kritische Fragen offen bleiben, diese sogar provozieren und selbst stellen.

Es geht also nicht zuletzt um eine individuelle Definition von Kunst, die Zuordnung eines Phänomens zum Kunstsystem. Niklas Luhmann fragte im Jahre 1995 in Die Kunst der Gesellschaft nach einer brauchbaren Code-Unterscheidung: "Die Frage bleibt: Kennt auch das Kunstsystem einen Code, an dem es erkennt, was Kunst ist oder doch Kunst zu sein sich vornimmt, und was nicht."[4] Er blieb eine schlüssige Antwort schuldig. Weder seine Vorschläge schön hässlich oder besonders/allgemein vermochten die Kritiker zu überzeugen.[5] Siegfried J. Schmidt schlug als Leitdifferenz des Kunstsystems schließlich die Unterscheidung Kunst/Nicht-Kunst vor[6], welche dem Rezipienten immer wieder aufs Neue eine individuelle Entscheidung abfordere. Dies sei nur scheinbar tautologisch.[7]

Wenn die Abgrenzung des Kunstsystems bereits in der Theorie so unklar bleibt, verwundert es kaum, dass manche der etablierten Kunstinstitutionen sich einerseits so verzweifelt an ihre Definitionsmacht klammern, über diese hinaus andererseits eine große Unsicherheit herrscht. Die Frage Wo ist die Kunst? wird hier zu einer Frage nach dem Ort der Kunst sowohl im Kunstsystem als auch in der Gesellschaft.

Aus diesem Grund fragt der Kunstverein Hildesheim gezielt nach Schnittstellen: Wenn die Ränder des Kunstsystems so unscharf sind, kann es nicht nur um klare Abgrenzungen gehen, es müssen sich Bereiche des Übergangs ergeben, bei denen ein genaues Hinschauen Erkenntnisse birgt. Die zeitgenössische Kunst dringt in immer mehr andere gesellschaftliche Bereiche ein
oder ist es andersherum? Es wird zunehmend schwieriger, Anfang und Ende zu definieren. Noch Kunst oder schon Design, Architektur, Alltag, Wissenschaft, Politik, Gastronomie...? Lassen sich die Unschärfen an den Schnittstellen fokussieren? Ist eine Unterscheidung überhaupt (noch) von Bedeutung?

Die vorliegende Publikation begleitet das Jahresprogramm 2004 des Kunstvereins Hildesheim
ihre Funktion ist dabei die einer Schnittstelle: Sie ist Jahreskatalog und Themenreader in einem. Als Katalog präsentiert sie die Künstlerinnen und Künstler des Ausstellungsjahres mit ihren jeweiligen Projekten, allerdings ohne dokumentarischen Anspruch. Vielmehr geht es um deren Perspektiven, Betrachtungs- und Herangehensweisen, um individuelle Grundlagen für eine künstlerische Arbeit im Kontext des Jahresthemas: Schließlich sind die Künstlerinnen und Künstler auch Kuratoren, Architekten, Innenarchitektinnen, Journalistinnen und Journalisten, Programmierer, Literaten, Grafikerinnen, Drehbuchautorinnen, Musikerinnen, Gastronomen, Fotografinnen und Fotografen, Designerinnen und Designer, Regisseurinnen und noch manches andere. Aus diesem Grund bilden den Schwerpunkt der Projekt-Seiten Interviews, welche die Beteiligten für sich selbst sprechen lassen. Ergänzt werden sie durch deren biographische Angaben und Portraits sowie kurze kuratorische Einleitungen, die das jeweilige Projekt vorstellen und in einen Gesamtzusammenhang einordnen.

Der Kunstverein Hildesheim präsentiert in seinem Jahresprogramm 2004 und in dieser Publikation bewusst junge Kunst, Perspektiven von Künstlerinnen und Künstlern, die ihren Ort im Kunstsystem (und/oder außerhalb dessen) oft noch suchen, noch zwischen unterschiedlichen Herangehensweisen und Präsentationsformen changieren. Häufig handelt es sich bei ihren Beiträgen für den Kunstverein nicht um fertige Arbeiten oder Positionen, sondern um Prozesse, Projekte und Experimente. Die Ergebnisse werden in und an einer Auseinandersetzung wachsen
die Künstlerinnen und Künstler möglicherweise selbst auch. Sie sind artists in progress, befruchten die Beschäftigung mit Schnittstellen durch ihre rasante Entwicklung, welche bei etablierten Künstlern natürlicherweise verlangsamt.

Die Projekt-Seiten stehen jeweils zwischen den Essays zu assoziierten Schnittstellen
sie entwickeln mit diesen eine Wechselwirkung, verdeutlichen und hinterfragen, zeigen aber auch eigene, alternative Blickwinkel auf. Eine klare Zuordnung zu bestimmten Essays, Autorinnen und Autoren oder Schnittstellen ist jedoch nicht intendiert: Die vorgestellten Projekte lassen sich darauf nicht reduzieren, sie changieren jeweils zwischen unterschiedlichsten Kontexten. Bei der Fokussierung auf einen davon mögen sich allerdings Bezüge ergeben, die für den Leser individuell von Interesse und Nutzen sind: Erlaubt (und gewollt) ist, was im radikal-konstruktivistischen Sinne viabel ist, also funktioniert und weiterführt.

Um das weite Feld möglicher Schnittstellen einzugrenzen und in einen Diskurs einbinden zu können, habe ich für die Essay-Seiten dieses Bandes aus dem Ausstellungsjahr 2004 jene abstrahiert, die bereits öffentlich in Erscheinung getreten und diskutiert worden sind
es sind deshalb die naheliegendsten, damit aber wohl auch die interessantesten, solange es um die Darstellung von Zusammenhängen und Meinungsbildern geht. Basis der Text- und Autorenauswahl waren dabei Veröffentlichungen der vergangenen zehn Jahre, die in unterschiedlichsten Kontexten auf die gewählten Schnittstellen verwiesen. Es handelte sich sowohl um sehr spezifische Beiträge als auch um allgemeinere Erörterungen der Frage nach dem Ort der Kunst. Zu letzteren zählen unter anderem das bereits erwähnte Kunstforum zum Betriebssystem Kunst[8], Peter Weibels diskursprägender Katalog Kontext Kunst[9], diverse Veröffentlichungen aus Systemtheorie und Radikalem Konstruktivismus[10], Publikationen innovativer Kunstinstitutionen[11] sowie zahlreiche einschlägige kunst- und kulturjournalistische Beiträge.

Um so mehr freue ich mich, dass es gelungen ist, im vorliegenden Band Textbeiträge aus allen wesentlichen Kontexten zu versammeln, welche die Erfahrungen und Kenntnisse ihrer Autorinnen und Autoren individuell widerspiegeln, die sie als Künstlerinnen und Künstler, Journalistinnen und Journalisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Architektinnen und Architekten sowie Kuratorinnen und Kuratoren gesammelt haben. Und selbstverständlich auch in verschiedensten Überschneidungen dieser Rollen, in der Arbeit auf der einen oder anderen Schnittstelle. Diese Heterogenität von Grundlagen und Perspektiven ist nicht nur an den vielfältigen Themen ablesbar, die (auch noch über die eigentlichen hinaus) berührt werden. Sie prägt auch den jeweiligen Charakter der Beiträge, bis hin zur Textform. So erstaunt es kaum, dass die Wahl zwischen wissenschaftlichem und journalistischem Essay, (fiktivem) Interview oder literarischem Beitrag eng mit der jeweils betrachteten Schnittstelle und dem individuellen Hintergrund der Autorinnen und Autoren verknüpft ist. Aus diesem Grund wird deren Vita direkt als Schnitt(stelle) durch die Texte präsentiert: für spontane Blicke auf Ursprünge, Verknüpfungen und Prägungen, um vom Kontext direkt auf den Diskurs schließen zu können. Die Literaturhinweise zu den Texten sind auf die gleiche Weise eingefügt
sie enthalten wesentliche weitere Veröffentlichungen der Autorinnen und Autoren, aber auch Empfehlungen zur Vernetzung oder Vertiefung des Themas.

Die erste diskutierte Schnittstelle greift die Funktionen der vorliegenden Publikation auf: Über Grenzen und Übergänge der Kunst zum Buchmarkt schreiben Dominika Hasse und Marius Babias. Dominika Hasse lehrt editorial design an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Kunst in Hildesheim und hat diesen Band mit ihren Studentinnen gestaltet. Sie fragt nach der Rolle von Gestaltung beim potentiellen Kunststatus einer Veröffentlichung. Marius Babias ist Kunstpublizist und hat bis vor kurzem die Katalog- und Buchpublikationen der Kokerei Zollverein/Zeitgenössische Kunst und Kritik als Mitherausgeber und -kurator betreut. Er betrachtet den konzeptionellen Kontext von Veröffentlichungen als Kunstprojekten.

Zur Schnittstelle zwischen Kunst und Journalismus schreibt Beatrix Nobis über die Kritik der Kunst als potentielle Kunst der Kritik. Nach vielen Jahren als Kunstkritikerin lehrt sie Kunstwissenschaft an der Universität Hildesheim. Regina Möller ist Kuratorin, Künstlerin und als solche auch Herausgeberin des Kunst- und Zeitschriftenprojekts regina. Sie interviewt sich zu eigenen Projekten und grundsätzlichen Überlegungen über Kunst und Journalismus.

Hans-Otto Hügel ist Professor für Populäre Kultur an der Universität Hildesheim. Vor dem Hintergrund seiner Studien reflektiert er die Übergänge und Abgrenzungen von Kunst und Populärer Kultur. Im Mittelpunkt steht der Begriff der 'Unterhaltung'.

Die Schnittstelle zwischen Kunst und Kommunikation betrachten Siegfried J. Schmidt und Michael Lingner. Siegfried J. Schmidt lehrt Kommunikationstheorie und Medienkultur an der Universität Münster. Er ist einer der ersten und wichtigsten deutschen Vertreter des Radikalen Konstruktivismus und schreibt über die Rolle der Kommunikation bei der Konstruktion von Kunst. Michael Lingner lehrt Kunsttheorie und Kunstdidaktik an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Er ist Autor des eingangs zitierten Essays zum 'Betriebssystem Kunst' und erweitert eine zentrale Aussage daraus
sein Beitrag ist künstlerischer Natur und findet sich auf acht im Buch verteilten Seiten.

Heiko Idensen und Tilman Baumgärtel diskutieren die Schnittstelle zu Medialen Netzwerken. Dabei reflektiert Heiko Idensen den Status (partizipatorischer) Kunstprojekte im World Wide Web und hat hierfür die Form eines Textlogs gewählt, eines Formats aus der Internetkultur. Er ist Künstler, Publizist und Hypertext-Theoretiker. Tilman Baumgärtel ist Publizist und Kurator. Er hat sich Kunst als Thema gewählt, die auf Überwachungssysteme reagiert.

Bazon Brock ist Professor für Ästhetik an der Universität Wuppertal. Sein Text befasst sich in Form eines Glossars mit Aspekten der Schnittstelle zwischen Kunst und Museumsshops.

Die Schnittstelle zwischen Künstler und Kurator wird in einem Exkurs thematisiert: Sie ist die einzige Schnittstelle innerhalb des Kunstsystems in diesem Band. Sie wird von Daniel Schürer und Hans Dieter Huber betrachtet. Daniel Schürer ist Leiter des Kunstvereins Via 113 und zahlreicher interventionistischer Ausstellungsprojekte. Er wurde von Radio L'Ost zu seiner Kunst- und Präsentationspraxis befragt. Hans Dieter Huber übt hingegen Kritik an der Verschmelzung von Künstlern und Kuratoren und deren Konsequenzen. Er ist Professor für Zeitgenössische Kunstgeschichte, Ästhetik und Kunsttheorie an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart.

Die Schnittstelle zwischen Kunst und öffentlichem Raum scheint bereits hinlänglich diskutiert und betrachtet. Ovis Wende und Kai Vöckler hingegen untersuchen aus jeweils aktuellem Anlass deren Bedingungen. Ovis Wende ist Professor für Kunst im öffentlichen Raum an der Fachhochschule Dortmund. Er hinterfragt Aspekte partizipatorischer Kunstprojekte im öffentlichen Raum. Kai Vöckler ist Künstler, Kurator und Urbanist. Er argumentiert für einen postdisziplinären Kunstbegriff.

Manfred Walz und Margitta Buchert reflektieren Grenzen und Übergänge zwischen Kunst und Architektur
ein bekanntes, aber noch immer kontroverses Thema. Manfred Walz ist Architekt und Professor für Stadt- und Regionalentwicklung sowie Städtebau an der Fachhochschule Dortmund, Margitta Buchert Professorin für Architektur- und Kunstgeschichte 20./21. Jahrhundert an der Universität Hannover.

Die Schnittstelle zur Gastronomie betrachten Dirk Baumunk und Elisabeth Hartung. Dirk Baumunk ist Architekt, Gastronom und Kurator
er nimmt sich Rolle und Funktion von Atmosphäre zum Thema. Elisabeth Hartung ist Kuratorin und schreibt über das Verhältnis von zeitgenössischer Kunst und Essen.

Jesko Fezer ist Architekt und Axel J. Wieder Kunsthistoriker. Gemeinsam denken sie über die Schnittstelle zwischen Kunst und Stadtmarketing nach. Es geht ihnen dabei um den Wandel von Öffentlichkeit und die Benutzung von Kunst und Kultur für Marketingzwecke.

Die Schnittstelle zum Design thematisieren Heiner Wilharm und Kurt Weidemann. Heiner Wilharm ist Professor für Designtheorie an der Fachhochschule Dortmund. Er entwickelt seine Betrachtungen zur Funktion über eine historische Herleitung. Kurt Weidemann ist Typograph, Designer und Berater. Er hat die literarische Form gewählt, um pointiert nach den Grenzen der Kunst zu fragen.

Heiner Wilharm denkt auch über Kunst und Wissenschaft nach. Es geht ihm dabei vor allem um eine gegenseitige Befruchtung. Diese Wechselwirkungen sind auch das Thema von Peter Weibel, dem Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Er betrachtet die Annäherung von Wissenschaft und Kunst auf einer methodologischen Ebene.

Wolfgang Schneider ist Professor für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim und fragt nach Einflüssen der Politik auf die Kunst. Diese Schnittstelle zeigt sich außerdem in Beiträgen, die Wolfgang Thierse und Volker Kauder zur Bundestagsdebatte um Hans Haackes Kunstprojekt Der Bevölkerung geliefert haben.

Schließlich geht es bei Thomas Kapielski und Pierangelo Maset um die Schnittstelle zwischen Kunst und Lehre. Thomas Kapielski ist Professor für Performance an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Er nähert sich seinem Lehralltag literarisch. Pierangelo Maset ist Professor für Kunst und ihre Didaktik. Er diskutiert die Annäherung didaktischer Strukturen an die Kunst und den Widerstand des Kunstsystems.

Die vorliegende Publikation vereint bereits einige der diskutierten Schnittstellen in sich selbst: Als eigenständiges diskursives (Vermittlungs-)Projekt des Ausstellungsjahres 2004 des Kunstvereins Hildesheim, als Quelle und Anlass für (ästhetische) Kommunikation, rückt sie in die Nähe der Kunst, gleichzeitig präsentiert auf dem Buchmarkt und an den Veranstaltungsorten des Kunstvereins. Sie enthält journalistische, wissenschaftliche und literarische Beiträge, verortet sich in einem kulturpolitischen Zusammenhang (oder auch gleich in mehreren), nimmt Impulse aus der Lehre auf und gibt sie angereichert wieder zurück. Sie wird geprägt durch ihre Gestaltung, ihr Design, welches von einer Professorin und Studentinnen der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim, also wiederum in einem Umfeld von Wissenschaft und Lehre, entwickelt und umgesetzt wurde. Diskutiert und reflektiert wurde sie in einem Seminar des Herausgebers an der Universität Hildesheim
hieraus sind die Interviews als wesentliches Element hervorgegangen. Und schließlich birgt sie einen Aspekt, der von einigen kontrovers diskutiert wurde: Darf ein Buch Verweise ins World Wide Web enthalten oder gehören die Weblinks in ihr eigenes System, eben das WWW? Die Entscheidung fiel für die Verweise als Schnittstellen zwischen zwei sehr unterschiedlichen Medien. Sie bieten eine Fortsetzung des Diskurses in anderen Strukturen an, zeigen den Übergang zwischen unterschiedlichen Umgangsweisen mit Information auf: Die kompakte, problemlos handhabbare, die Sinne unmittelbarer ansprechende Buchform erscheint mir als der richtige Ort für die hier präsentierten Inhalte. Das WWW als Such-, Zitier- und Verknüpfungsmedium, als Netz ohne doppelten Boden, ohne Garantien und Dauerhaftigkeit ist jedoch bestens geeignet, Gedanken und Zusammenhänge aktiv fortzusetzen, neu zu strukturieren und noch assoziativer nach Schnittstellen zu suchen.

In einer Übertragung meiner Rolle als Kurator des Kunstvereins Hildesheim auf die als Herausgeber dieser Publikation habe ich selbst einige Wochen lang intensiv auf einer Schnittstelle gearbeitet. Ebenso wie die Gestaltung und Durchführung eines thematisch orientierten Ausstellungsprogramms kann auch die Zusammenstellung einer so komplexen diskursiven Publikation wie dieser nur einen eingeschränkten Zugang, geprägt durch meine eigene Perspektive, ermöglichen. Der assoziative Rahmen um diesen zentralen Zugang ist zwar deutlich weiter und weist an genügend (Schnitt-)Stellen über sich hinaus. Dennoch ist eine neutrale oder objektive Präsentation niemals erreichbar. Beruhigend ist in diesem Zusammenhang das Wissen darum, dass die große Heterogenität der Beiträge in diesem Band zwangsläufig Widersprüche und Unvereinbarkeiten birgt, die seine Reduzierung auf eine Quintessenz, auf eine einzige Aussage unmöglich machen.

Zwar erlaubt die Verortung in einem Diskurs eine gemeinsame Kommunikationsbasis[12], die Leserin oder der Leser kann aber aus dieser Publikation gar kein einheitliches Bild erhalten, sondern muss bei der Lektüre zwangsläufig zustimmen oder ablehnen und so aktiv eine eigene Meinung formen. Dieser Band liefert im Idealfall Bausteine für den eigenen, individuellen Kunstbegriff (um diesen zu untermauern, zu vervollständigen, um- oder aufzubauen). Dabei sind Hemmschwellen- oder Berührungsängste völlig unangebracht: Weder die gelesenen Inhalte noch die eventuell daraus resultierenden Vorstellungen oder Begriffe können stimmen, sie können bestenfalls passen.[13] Ob sie dies tun, werden Sie jedoch nur herausfinden, indem Sie sie in der Kommunikation mit anderen oder im eigenen Handeln beim Erfahren von Kunst (oder einer ihrer zahlreichen Schnittstellen) erproben. Der Kybernetiker Heinz von Foerster hat hierzu einen ästhetischen Imperativ formuliert: "Wenn Du erkennen willst, lerne zu handeln."[14] Damit einher geht sein ethischer Imperativ: "Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst."[15] Beide Sätze sind in dieser Veröffentlichung und ihren Diskursen hervorragend aufgehoben.


[1] Michael Lingner: Die Krise der 'Ausstellung' im System der Kunst; in: Kunstforum International, Bd. 125 Januar/Februar 1994, S. 185

[2] vgl. Thomas Wulffen: Betriebssystem Kunst Eine Retrospektive; in: Kunstforum International, Bd. 125 Januar/Februar 1994, S. 49ff

[3] vgl. Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1995

[4] ebd., S. 304

[5] vgl. Gerhard Plumpe, Niels Werber, Literatur ist codierbar. Aspekte einer systemtheoretischen Literaturwissenschaft; in: Siegfried J. Schmidt (Hg.), Literaturwissenschaft und Systemtheorie, Opladen 1993, S. 28-29 sowie Niels Werber, Zur Diskussion gestellt: Niklas Luhmann, 'Die Kunst der Gesellschaft'. Nur Kunst ist Kunst; in: Soziale Systeme. Zeitschrift für soziologische Theorie, Heft 2 / 1996, S. 174-177

[6] vgl. Niels Werber, Zur Diskussion gestellt: Niklas Luhmann, 'Die Kunst der Gesellschaft'. Nur Kunst ist Kunst; in: Soziale Systeme. Zeitschrift für soziologische Theorie, Heft 2 / 1996, S. 167-169

[7] vgl. Siegfried J. Schmidt, Über die Funktion von Sprache im Kunstsystem; in: Toni Stooss, Eleonora Louis (Hg.), Die Sprache der Kunst. Die Beziehung von Bild und Text in der Kunst des 20. Jahrhunderts, Ostfildern-Ruit 1993, S. 81

[8] Kunstforum International, Bd. 125 Januar/Februar 1994

[9] Peter Weibel, Kontext Kunst, Köln 1994

[10] Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1995; Siegfried J. Schmidt (Hg.), Kognition und Gesellschaft. Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus 2; Frankfurt a. M. 1992; und viele andere

[11] Unter anderen jene der Kokerei Zollverein/Zeitgenössische Kunst und Kritik in Essen, die ihr ehrgeiziges Programm leider Ende 2003 aufgrund programmatischer finanzieller Entscheidungen einstellen musste.

[12] David J. Krieger definiert 'Diskurs' als "eine bestimmte Art zu reden, worin die verschiedensten Themen mit ähnlichen Begriffen angegangen werden" (David J. Krieger, Einführung in die allgemeine Systemtheorie, München 1996, S. 7).

[13] vgl. ebd., S. 168 sowie Ernst von Glasersfeld, Einführung in den Konstruktivismus, München 1992, S. 168

[14] Heinz von Foerster, Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke, Frankfurt/Main 1993, S. 49

[15] ebd.


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